Wohin sich der aktuarielle Arbeitsmarkt entwickelt: Bermuda und Mittel- und Osteuropa geben die Richtung vor

Gastbeitrag von Sarah Schadek-Keane, Managing Director – International Actuarial, Underwriting & Claims, Emerald Group
Die veränderte Landkarte aktuarieller Chancen
Der globale Arbeitsmarkt für Aktuarinnen und Aktuare durchläuft eine deutliche geografische Neuorientierung. Während traditionelle europäische Finanzzentren – insbesondere die Schweiz – eine Abkühlung am Arbeitsmarkt und zurückhaltende Einstellungsbedingungen erleben, heben sich zwei Regionen klar von diesem Trend ab: Bermuda sowie Mittel- und Osteuropa (CEE). Für Aktuarinnen und Aktuare in jeder Karrierestufe ist es ein zentraler Schritt für eine zukunftssichere Karriereplanung, zu verstehen, wo die Nachfrage wächst und warum.
Bermuda: Die Risikohauptstadt der Welt sucht Nachwuchskräfte
Bermuda nimmt im globalen Versicherungsmarkt seit Langem eine besondere Stellung ein. Mit einer der weltweit höchsten Konzentrationen von Aktuarinnen und Aktuaren pro Kopf gilt die Insel seit Jahrzehnten als führendes Zentrum für Katastrophenrückversicherung, Spezialversicherung und alternativen Risikotransfer. Doch statt sich auf diesem Niveau zu stabilisieren, nimmt Bermudas Bedarf an aktuariellen Fachkräften weiter zu.
Ein Markt im Expansionsmodus
Die Zahlen zeichnen ein überzeugendes Bild. AM Best berichtete, dass bermudische Rückversicherer im Jahr 2024 ein Kapitalwachstum von 16 % verzeichneten und damit 15 % des gesamten globalen Rückversicherungskapitals ausmachten, das 500 Mrd. US-Dollar erreichte. Neue Anbieter bauen weiterhin Standorte auf Bermuda auf – angezogen durch den schlanken regulatorischen Rahmen der Bermuda Monetary Authority (BMA), das steuerliche Umfeld ohne Einkommensteuer und die strategische Position der Insel als Zugangstor zum US-orientierten Rückversicherungsgeschäft. Besonders auffällig ist die schnelle Expansion zweier Teilsegmente: Lebensrückversicherung und Run-off-/Legacy-Übernahmen. Die Lebensrückversicherung, früher eher ein Nischenbereich des Inselmarkts, verzeichnete zuletzt eine Reihe neuer Marktteilnehmer. Gleichzeitig ist der Run-off-Sektor – in dem Unternehmen geschlossene Versicherungsbestände erwerben und verwalten – stark gewachsen, da Versicherer in Europa und Nordamerika Altverpflichtungen abbauen und ihre Solvenzquoten verbessern wollen. Jeder neue Marktteilnehmer benötigt aktuarielles Know-how. Da ein erheblicher Teil der Transaktionsaktivitäten auf Bermuda rechtlich vor Ort durchgeführt werden muss, sind Remote-Modelle nur begrenzt möglich. Das hält die physische Nachfrage nach auf Bermuda ansässigen Aktuarinnen und Aktuaren hoch und den Markt wettbewerbsintensiv. Für Aktuarinnen und Aktuare mit 5 bis 10 Jahren Erfahrung bietet Bermuda einen ungewöhnlich schnellen Weg in verantwortungsvolle Positionen. Da mehrere Unternehmen um einen begrenzten Pool qualifizierter Fachkräfte konkurrieren, übernehmen erfahrene Aktuarinnen und Aktuare dort häufig früher Associate-Actuary- oder sogar Lead-Rollen als in größeren, etablierten Märkten.
Mittel- und Osteuropa: Die stille Zugmaschine
Während Bermuda häufig die Schlagzeilen bestimmt, hat sich Mittel- und Osteuropa zu einem der bedeutendsten und am schnellsten wachsenden Märkte für aktuarielle Beschäftigung weltweit entwickelt – getragen von anderen, aber ebenso starken Kräften.
Warum CEE?
Die Region – darunter Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und Nachbarländer – hat stark von einem strukturellen Trend bei multinationalen Versicherern und Rückversicherern profitiert: dem Aufbau von Kompetenzzentren, häufig als Centres of Excellence (CoEs) bezeichnet. Kosteneffizient, gut ausgebildet und geografisch sowie kulturell nah an westeuropäischen Entscheidungsträgern gelegen, sind CEE-Städte zum operativen Rückgrat aktuarieller Funktionen geworden, die früher in London, Zürich, Frankfurt oder Paris angesiedelt waren. Dabei handelt es sich nicht um Outsourcing im klassischen Sinne. Es sind hochqualifizierte Rollen mit hoher Verantwortung: Teams übernehmen IFRS-17-Reporting, Solvency-II-Bewertungen, Annahmenreviews, Pricing-Modellierung und Enterprise-Risk-Aufgaben – allerdings von Warschau aus statt von Zürich.
Was CEE karriereseitig bietet
Für junge Aktuarinnen und Aktuare sind CEE-Hubs hervorragende Einstiegspunkte. Die Arbeit ist inhaltlich tatsächlich international ausgerichtet: Man arbeitet mit Daten, Modellen und Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa und darüber hinaus zusammen. Gleichzeitig liegen die Lebenshaltungskosten weiterhin deutlich unter denen westeuropäischer Hauptstädte. Unterstützung bei Prüfungen, strukturierte Entwicklungsprogramme und hybride Arbeitsmodelle sind häufig Teil des Angebots. Für Aktuarinnen und Aktuare mit mehr Berufserfahrung bietet das CoE-Modell eine besondere Chance: die Möglichkeit, eine Führungs- oder Senior-Specialist-Rolle in einem regionalen Hub eines großen multinationalen Unternehmens zu übernehmen – oft mit größerer Sichtbarkeit auf EMEA- oder globaler Ebene, als sie in einer vergleichbaren Rolle in einem stark umkämpften westeuropäischen Markt möglich wäre.
Wichtig ist, den Kontext zu verstehen, in dem Bermuda und CEE florieren. Traditionelle aktuarielle Hochburgen – insbesondere die Schweiz – befinden sich eher in einer Phase der Kontraktion als der Expansion.
Der Schweizer Arbeitsmarkt verzeichnete 2025 einen Rückgang offener Stellen um rund 5 bis 6 % gegenüber dem Vorjahr; Fachkräfte aus Finanz- und mathematiknahen Berufen waren dabei besonders betroffen. Für Aktuarinnen und Aktuare, die eine Rolle in der Schweiz anstreben, verschärft sich der Wettbewerb in die ungünstige Richtung – zulasten der Kandidatinnen und Kandidaten, nicht der Arbeitgeber. In Deutschland und anderen etablierten westeuropäischen Märkten zeigen sich ähnliche Tendenzen: Aktuarielle Tätigkeiten werden teilweise zunehmend in kostengünstigere CoE-Strukturen verlagert. Zugleich entstehen lokale Rollen häufiger aus konkretem regionalem Bedarf heraus und bieten nicht immer dieselbe internationale Ausrichtung wie früher.
Das bedeutet nicht, dass es in der Schweiz oder in Deutschland keine Chancen gibt; Senior-Positionen und hochspezialisierte Rollen bestehen weiterhin. Für Aktuarinnen und Aktuare, die einschätzen möchten, wo derzeit die größte Karrieredynamik entsteht, ist die Richtung jedoch klar.
Die aktuarielle Profession gehört glücklicherweise zu den international mobilsten Karrierefeldern im Finanzdienstleistungssektor. Die Kompetenzen sind übertragbar, die Qualifikationen weltweit anerkannt und die Nachfrage ist – an den richtigen Orten – stark und wachsend. Im Jahr 2026 und darüber hinaus liegen diese Orte vor allem in Bermuda sowie in Mittel- und Osteuropa. Das zu wissen ist die eine Hälfte; entsprechend zu handeln die andere.