Wie sich Aktuarinnen und Aktuare in einem selektiveren globalen Markt abheben können

Wachsende Branche, höhere Erwartungen
Der globale Versicherungssektor wächst weiterhin. Nach Schätzungen von Allianz Research stiegen die weltweiten Versicherungsprämien 2025 um 7,1 % auf 6,9 Billionen EUR. Damit wuchs das globale Prämienvolumen um 456 Milliarden EUR. Besonders stark legte der Bereich Kranken mit 12,3 % zu, während sich das Wachstum in der Schaden- und Unfallversicherung auf 3,8 % verlangsamte, da sich die Preiszyklen normalisierten. Swiss Re erwartet, dass sich das reale globale Prämienwachstum nach 3,9 % im Jahr 2025 auf 1,3 % im Jahr 2026 abkühlt, bezeichnet Versicherungen in einer stärker fragmentierten Welt jedoch als finanziellen „Stoßdämpfer“.
Für Aktuarinnen und Aktuare entsteht daraus ein komplexeres Arbeitsmarktumfeld. Wachstum verschwindet zwar nicht, sondern es verlagert sich. Zusätzliche Nachfrage entsteht in den Bereichen Gesundheit, Protection Gaps, Klimavolatilität, Infrastruktur, Cyberrisiken, KI-bezogene Risiken und neue Kapitalstrukturen. Wer sich abhebt, kann daher nicht nur Risiken berechnen, sondern auch erklären, welche Risiken wirtschaftlich relevant sind und was eine Organisation als Nächstes tun sollte.
Skills werden zur starken Währung
Der Bericht Global Talent Trends 2026 von Mercer, der auf Angaben von fast 12.000 Führungskräften, HR-Verantwortlichen, Beschäftigten und Investoren basiert, zeigt, warum dies relevant ist. 54 % der Mitglieder der obersten Führungsebene nennen den Fachkräftemangel als wichtigsten Einflussfaktor auf ihre Personalplanung. Zugleich berichten 59 % der HR-Verantwortlichen von Schwierigkeiten, Talente mit entscheidenden digitalen Kompetenzen zu gewinnen. Gleichzeitig erwarten 65 % der Führungskräfte, dass in den kommenden zwei Jahren aufgrund von KI 11 bis 30 % ihrer Belegschaft in andere Aufgaben überführt oder weiterqualifiziert werden.
Das stärkste aktuarielle Profil ist deshalb ein Portfolio und keine Liste bestandener Prüfungen. Ein Teil sollte technisch sein: Reservierung, Tarifierung, Kapital, Altersversorgung, Gesundheit, Risikomodellierung oder ein anderes anerkanntes aktuarielles Fachgebiet. Ein weiterer Teil sollte digital sein: Datenverarbeitung, Automatisierung, AI Governance, Modellvalidierung oder Szenarioanalysen. Hinzu kommt die menschliche Dimension: Kommunikation, kritisches Hinterfragen, Stakeholder-Management und der Mut, darauf hinzuweisen, wenn ein Ergebnis noch keine tragfähige Entscheidungsgrundlage bietet.
Der Arbeitsmarkt belohnt Klarheit
Der LinkedIn Labor Market Report 2026 beschreibt einen globalen Arbeitsmarkt, in dem die Einstellungen weiterhin unter dem Niveau vor der Pandemie liegen, berufliche Wechsel den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt erreicht haben und viele entwickelte Volkswirtschaften bei den Einstellungen noch immer 20 bis 35 % unter dem Vorpandemieniveau liegen. Gleichzeitig identifiziert LinkedIn weltweit mehr als 1,3 Millionen neue KI-gestützte Arbeitsplätze und berichtet, dass 75 % der Unternehmen weltweit zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Anpassungsfähigkeit, Problemlösung und Kommunikation im Zeitalter der KI für noch wichtiger halten.
Darin liegt die Chance für Aktuarinnen und Aktuare. In einem allgemeinen Lebenslauf steht „ausgeprägte analytische Fähigkeiten“. Ein wettbewerbsfähiges Profil sagt dagegen: „Ich habe ein Szenariomodell zur Schadeninflation entwickelt und die Auswirkungen auf das Kapital gegenüber Finance und Underwriting präsentiert.“ Oder: „Ich habe einen wiederkehrenden Reservierungsprozess automatisiert und die Kontrollen dokumentiert.“ Oder: „Ich habe das Cyber-Kumulrisiko in konkrete Maßnahmen für das Underwriting übersetzt.“ Konkrete Nachweise überzeugen mehr als allgemeine Kompetenzbehauptungen.
Sich dort profilieren, wo sich Risiken verändern
Auch die Risikoagenda verändert sich schnell. Das Allianz Risk Barometer 2026 basiert auf 3.338 Befragten aus 97 Ländern und Gebieten und stuft künstliche Intelligenz als zweitgrößtes globales Geschäftsrisiko ein. 2025 lag sie noch auf Platz zehn. Cyberrisiken bleiben eine der größten Sorgen, während KI inzwischen als operatives, rechtliches und reputationsbezogenes Risiko gilt. Der Tech Trend Radar 2026 von Munich Re kommt zu einem ähnlichen Schluss: Technologie schafft nur dann Wert, wenn sie mit menschlichem Urteilsvermögen, verantwortungsvoller Umsetzung und einem breiteren Verständnis des gesellschaftlichen Kontexts verbunden wird.
Das ist ein klares Karrieresignal. Aktuarinnen und Aktuare, die sich differenzieren möchten, sollten in den Bereichen sichtbar werden, in denen die Unsicherheit zunimmt: AI Governance, Cyberrisiken, Klimarisiken, Inflation im Gesundheitswesen, Absicherungslücken, Kapitaleffizienz und Datenqualität. Der Markt braucht nicht nur Menschen, die Modelle ausführen können. Er braucht Fachkräfte, die Risiken verständlich, belastbar und handlungsrelevant machen.