Über Anlageklassen hinaus: Warum Pensionsaktuarinnen und -aktuare das Gesamtportfolio im Blick haben sollten

Der strukturelle Wandel ist erheblich. Untersuchungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen, dass der Anteil direkt gehaltener festverzinslicher Anlagen in US-Pensionsportfolios von knapp 40 % Anfang der 1980er-Jahre auf rund 10 bis 15 % im Jahr 2023 sank. Zugleich stieg der Anteil von Investmentfonds auf mehr als ein Viertel des Vermögens. In fortgeschrittenen europäischen Volkswirtschaften ging der Anteil direkt gehaltener festverzinslicher Anlagen von rund 35 % Anfang der 2000er-Jahre auf etwa 20 % im Jahr 2023 zurück; der Investmentfondsanteil stieg dagegen auf mehr als 50 %. Bei Pensionsplänen der US-Bundesstaaten und Kommunen wuchs der Anteil alternativer Anlagen von weniger als 10 % Anfang der 2000er-Jahre auf mehr als 30 % im Jahr 2024.
Für Aktuarinnen und Aktuare verändert sich damit der analytische Rahmen. Die Bewertung von Verpflichtungen und die Projektion von Deckungsgraden bleiben zentral, reichen allein jedoch nicht mehr aus. Alternative Anlagen sind häufig weniger liquide und transparent und schwieriger zu bewerten; Fondsstrukturen können zudem die tatsächlich zugrunde liegenden Risiken verschleiern. Ein Gesamtportfolio-Ansatz fragt deshalb nicht nur, wie sich eine einzelne Anlageklasse entwickelt, sondern welchen Beitrag jede Anlageposition zur Leistungssicherheit, Liquidität und zu den Zielen des Gesamtfonds leistet.
Auch für die aktuarielle Karriereentwicklung hat das Folgen. Asset-Liability-Modelle müssen Zahlungsströme aus Verpflichtungen zunehmend mit Liquiditätsbedarfen, Klima- und Inflationsszenarien sowie Kapitalzusagen in Private Markets verknüpfen. Kenntnisse in Python oder R, Datenvisualisierung und Look-through-Analysen können die klassische aktuarielle Modellierung sinnvoll ergänzen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Zielkonflikte zwischen erwarteter Rendite, Bewertungsunsicherheit und Resilienz gegenüber Aufsichts- und Anlagegremien verständlich zu vermitteln.
Pensionsaktuarinnen und -aktuare der Zukunft müssen deshalb nicht zu Investmentmanagern werden. Wer jedoch Annahmen über organisatorische Silos hinweg kritisch hinterfragen und Portfoliokomplexität in entscheidungsrelevante Aussagen übersetzen kann, ist gut aufgestellt für Aufgaben in strategischer Asset Allocation, Investment Risk, Governance und Fondssteuerung. Der Blick auf das Gesamtportfolio ist damit mehr als eine Anlagetechnik - er wird zu einer wichtigen aktuariellen Kompetenz.