Aktuarielle Karrieren im Dialog entwickeln

Berufliche Entwicklung wird sozialer
Berufliche Entwicklung wird häufig als individueller Weg beschrieben: eine Qualifikation wird erworben, eine Fähigkeit aufgebaut, eine Beförderung erreicht. Aktuelle Workforce-Studien weisen jedoch in eine andere Richtung. In wissensintensiven Berufen wird Entwicklung zunehmend sozial. Sie entsteht durch Feedback, Mentoring, Sichtbarkeit und den Zugang zu Menschen, die fachliche Expertise in berufliche Orientierung übersetzen können.
Für Aktuarinnen und Aktuare ist das besonders relevant. Das Berufsbild wird durch Regulierung, Daten, KI, Kommunikation und öffentliches Vertrauen geprägt. Kein einzelner Kurs und kein Prüfungsweg kann vollständig abdecken, wie sich diese Entwicklungen in der Praxis auswirken. Communities sind daher mehr als Räume für Networking. Sie sind Lernumgebungen, in denen Aktuarinnen und Aktuare Perspektiven vergleichen, Marktentwicklungen verfolgen und Sicherheit darin gewinnen, ihre Expertise anzuwenden.
Die Kompetenzlücke hinter beruflicher Entwicklung
Der McKinsey HR Monitor 2026 bietet dafür einen starken Ausgangspunkt. Auf Basis von rund 1.300 HR-Verantwortlichen und 5.500 Beschäftigten in zehn Ländern zeigt der Report, dass nur 11 % der Organisationen eine langfristige Perspektive auf Workforce Planning einnehmen. Gleichzeitig fehlen 23 % der Beschäftigten zumindest einige Kompetenzen, die für ihre aktuelle Rolle erforderlich sind, und 22 % bezweifeln, dass sie in den nächsten fünf Jahren über die nötigen Fähigkeiten verfügen werden, um in ihrer Rolle zu bleiben. Auch Lernsysteme sind lückenhaft: 24 % der Beschäftigten berichten, überhaupt nicht an Trainings teilzunehmen, und mehr als die Hälfte erhält nur einmal im Jahr oder gar kein Feedback.
Für das aktuarielle Berufsfeld ist das ein Warnsignal. Bei moderater KI-Adoption erwartet McKinsey, dass bis 2030 bis zu 30 % der aktuellen Arbeitsstunden in Europa und den Vereinigten Staaten automatisiert werden könnten. Mehr als 70 % der heutigen Fähigkeiten könnten relevant bleiben, aber nahezu jeder Beruf wird Kompetenzverschiebungen erleben. Die zentrale Frage ist daher, wie fachliche Expertise erneuert und mit Urteilsvermögen, Kommunikation und Geschäftsverständnis verbunden wird.
Genau hier schaffen Communities einen beruflichen Vorteil. Formale Weiterbildung baut Wissen auf. Communities helfen Fachkräften, dieses Wissen einzuordnen. Sie verbinden Aktuarinnen und Aktuare am Anfang ihrer Laufbahn mit erfahrenen Spezialistinnen und Spezialisten, öffnen technischen Expertinnen und Experten den Blick für angrenzende Themen und liefern informelle Signale, die strukturierte Programme oft nicht erfassen: Was verändert sich? Welche Kompetenzen werden sichtbarer? Wie lösen andere vergleichbare Probleme?
Netzwerke als berufliche Infrastruktur
McKinseys Untersuchung zu sozialer Mobilität ergänzt diesen Gedanken. In High-Skill-Organisationen wie Technologieunternehmen, Finanzinstitutionen und Professional-Services-Anbietern hängt beruflicher Aufstieg häufig stark von sozialem Kapital und zwischenmenschlichen Dynamiken ab. In einer Befragung von 3.011 Beschäftigten in Großbritannien, Deutschland und Italien gaben Beschäftigte in solchen Organisationen bis zu 2,7-mal häufiger als andere an, dass die Unterstützung durch ein professionelles Netzwerk ihnen geholfen hat, ihre aktuelle Rolle zu erhalten. Communities können den Zugang zu Wissen und Chancen transparenter und inklusiver machen.
Auch die PwC Global Workforce Hopes and Fears Survey 2025 bestätigt diese Richtung. Mit fast 50.000 Befragten aus 28 Branchen und 48 Volkswirtschaften zeigt die Studie, dass Beschäftigte, die sich beim Upskilling unterstützt fühlen, 73 % motivierter sind als jene, die die geringste Unterstützung wahrnehmen. Beschäftigte mit der höchsten psychologischen Sicherheit sind 72 % motivierter; dennoch sagen nur 56 %, dass es sicher ist, bei der Arbeit neue Ansätze auszuprobieren. Entwicklung braucht Räume, in denen Menschen fragen, ausprobieren, reflektieren und lernen können, ohne dass jeder Lernmoment zu einem Leistungstest wird.
Exkurs: Was Gen Z und Millennials erwarten
Ein kurzer Blick auf die Generationen macht diesen Punkt noch wichtiger. Deloittes Gen Z and Millennial Survey 2026 basiert auf mehr als 22.500 Befragten aus 44 Ländern und zeigt, dass jüngere Fachkräfte Ambition keineswegs ablehnen. Nur 6 % nennen das Erreichen einer Führungsposition als ihr primäres Karriereziel, aber 80 % der Gen Zs und 73 % der Millennials interessieren sich grundsätzlich für Führungs- oder Managementrollen. Rund 20 % beider Generationen würden sich seitlich verändern oder sogar einen niedrigeren Titel akzeptieren, um langfristig relevante Erfahrung zu sammeln. Für Personalverantwortliche bedeutet das: Community ist kein weicher Zusatznutzen. Sie ist Teil der Talentstrategie.
Was das für Aktuarinnen und Aktuare bedeutet
Das aktuarielle Berufsbild beruhte schon immer auf Standards, Expertise und Vertrauen. In einem sich wandelnden Arbeitsmarkt werden diese Grundlagen nicht nur durch formale Strukturen gestärkt, sondern auch durch Verbindung. Communities machen aus individuellem Lernen gemeinsame Fähigkeit. Sie helfen Aktuarinnen und Aktuaren, fachlich aktuell zu bleiben, sichtbar zu werden, Urteilsvermögen aufzubauen und ihren Platz in einem Berufsfeld zu finden, das breiter, digitaler und stärker vernetzt wird.
Quellen
- McKinsey & Company. HR Monitor 2026: A turning point for the people function. 8 June 2026.
- McKinsey & Company. Breaking the standstill: How social mobility can boost Europe’s economy. 27 March 2025.
- PwC. Global Workforce Hopes and Fears Survey 2025: Rewiring the future of work. 17 November 2025.
- Deloitte Insights. Gen Zs and millennials are redefining career progression on their own terms. 8 June 2026.