Interview mit Julia Krath, ERGO

In unserem interview mit Julia Krath, Abteilungsleiterin Angebotsmanagement bAV bei der ERGO, sprechen wir über ihre Motivation Aktuarin zu werden, ihre bisherige Karriere und erfahren, welche Herausforderungen sie für Aktuarinnen und Aktuare in der Zukunft sieht.
Veröffentlicht am 03.11.2022
1.    Was hat Sie dazu bewogen, Aktuarin zu werden?

Zu Beginn meines Wirtschaftsmathematik-Studiums hatte ich weder von der Deutschen Aktuarvereinigung noch dem Beruf Aktuar gehört. Mein Studentenjob war bei einem Maklerverband und bestand daraus, dessen Websites zu programmieren und mit Content zu füllen. Das war mein zufälliger Zugang zum Versicherungswesen und zum Beruf des Aktuars! Im Masterstudium konnte ich dann versicherungsmathematische Seminare belegen. Diese Vorlesungen wurden von Aktuaren gehalten, und ich habe erfahren, wie vielseitig und abwechlungsreich der Beruf ist. Von daher war für mich schnell klar: Nach meinem Abschluss arbeite ich in einer Versicherung und mache die Aktuarsausbildung.

 
2.    In welchen aktuariellen Bereichen haben Sie in Ihrer Laufbahn bisher gearbeitet und was sind die Hauptaufgaben in Ihrer jetzigen Position?

Bei dieser Frage musste ich schmunzeln, da ich der Überzeugung bin, dass Aktuare fast überall in der Versicherungsbranche arbeiten und ihr Know-how einbringen können. Nach meinem Trainee-Jahr bei einem großen deutschen Lebensversicherer war ich die einzige Mathematikerin und angehende Aktuarin Bereich Operations. Das ist wohl ein eher weniger klassischer Bereich für einen Aktuar. Ich habe in dieser Position durch mein mathematisches Verständnis die Schnittstelle zu Produktentwicklung, IT und Aktuariat abgebildet. Zudem habe ich mit dem Aktuariat gemeinsam ein Prognosetool für Dokumentenmengen in Operations entwickelt, was auf Prophet -Daten basiert. Danach wechselte ich als Teamleiterin in die Produktentwicklung und damit näher an die Mathematik. Dort habe mit einem kleinen Team innovative Produkte pilotiert. Ein weiterer Meilenstein war meine Verantwortung für ein Produktentwicklungsteam, welches sich ausschließlich mit Provisionsmodellen und deren Auswirkungen sowohl auf Vertrieb als auch auf Stabilität der Lebensversicherung beschäftigt hat. In meiner letzten Position war ich Product Ownerin für bAV und dort überwiegend mit Projektarbeit befasst. Man merkt also: Mit meinem Know-how als Aktuarin bin ich vielseitig einsetzbar.

Heute arbeite ich bei ERGO und bin Abteilungsleiterin für Angebotsmanagement in der bAV. Kernaufgaben sind gleichermaßen Führung und die Weiterentwicklung meines Themengebietes. Als Führungskraft arbeitet ich etwas weniger inhaltlich, dafür dafür deutlich strategischer. Auch hier hilft mir die DAV-Ausbildung ungemein, da Angebotsmanagement sehr große Schnittstellen in die aktuarielle Tarifentwicklung und die Mathematik hat.

 
3.    Welche persönlichen Fähigkeiten und fachlichen Kenntnisse sind für Sie besonders wichtig, um in Ihrem Beruf erfolgreich zu sein?

Die Ausbildung zum Aktuar DAV liefert eine ausgezeichnete Basis, um das Geschäftsmodell der Versicherung in allen seinen Facetten zu verinnerlichen. Ich habe damals zehn schriftliche Prüfungen abgelegt und noch zwei Pflichtseminare absolviert. Fachlich ist es besonders wichtig, sich stetig weiterzubilden, denn die Welt dreht sich immer schneller. Dafür braucht es die Offenheit gegenüber neuen Themengebieten, den Mut, Dinge neu zu denken und insbesondere auch kommunikative Skills. In meiner aktuellen Rolle ist es zudem absolut wichtig, gedanklich auch mal Wege außerhalb der üblichen Pfade zu gehen und kreativ bei der Lösungsfindung für Großkunden zu sein. Meine Prozessaffinität und Erfahrungen aus Operations helfen mir auch heute noch in meiner Tätigkeit. Ich kann jedem wärmstens empfehlen, im Vertrieb zu hospitieren und mit Kunden zu sprechen.

 
4.    Was macht Ihnen bei Ihrer Tätigkeit grundsätzlich am meisten Spaß, welche Aufgaben schieben Sie am ehesten etwas vor sich her?

Am liebsten arbeite ich mit Menschen, von daher bin ich in meiner Führungsrolle sehr glücklich. Auch die klassische Projektarbeit habe ich immer geliebt und leite auch aktuell parallel zu meiner Abteilungsleitung ein Projekt. Inhaltlich freue ich mich, ab und an wieder Tools in Excel zu programmieren, das fehlt mir manchmal ein wenig. Wenn ich etwas abgeben könnte, dann wären es wohl die ganzen organisatorischen Dinge, wie internes Kontrollsystem -Abnahmen und sowas. Aber das gehört nun mal dazu.

 
5.    Welchen Herausforderungen stehen Aktuarinnen und Aktuare in Zukunft vor allem gegenüber?

Ich glaube, eine große Herausforderung für unseren Berufsstand sind die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen und Umweltfaktoren. Dadurch entstehen stetig neue Themengebiete, mit denen wir uns als Aktuarinnen und Aktuare auseinandersetzen müssen. Zudem muss man sich davon lösen, dass es „den Aktuar/die Aktuarin“ immer weniger geben wird, die Tätigkeitsfelder werden zunehmend ausdifferenzierter und damit wachsen auch die Anforderungen an uns, insbesondere an die Soft Skills und methodischen Kenntnisse. Und wenn ich Methode meine, dann meine ich keine Berechnungsmethode, sondern denke an Methodenkenntnisse zur Problemlösung oder Projektarbeit. Unternehmen stellen sich zunehmend agiler auf, das wird auch für uns ständig relevant.

Wie weiterer Punkt ist, dass Aktuarvereinigungen ein hohes Engagement ihrer Mitglieder erfordern. Ich sehe zunehmend weniger ehrenamtliches Engagement bei jungen Aktuaren, was ich sehr bedauere. Auch Nachwuchsförderung wird immer mehr ein Thema, das ist auch ein Themengebiet, in dem ich mich selber bei der DAV ehrenamtlich engagiere.